Spanische Forscher haben eine Datenbrille für Professoren entwickelt
(Fotos: → UC3M). Aber was wird eigentlich angezeigt? 16 Studenten finden,
das Tempo sollte auf 51 Folien pro Minute gedrosselt werden?

Anfang Juni stellten Forscher der Madrider Universität Carlos III (UC3M) ein neues System für die Kommunikation zwischen Professoren und Studenten vor.[→1] Kernstück im sogenannten Augmented Lecture Feedback System (ALFS) ist die High-Tech-Brille für den Prof. Deren Funktionalität ist mit dem vieldiskutierten System Google Glass vergleichbar. Informationen werden dem Dozenten direkt vor’s Auge gespielt. Außerdem hat die AR-Brille (AR = Augmented Reality = “computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung”, → Wikipedia) eine Kamera, mit der die Zuhörer optisch erfasst werden. Während der Professor unterrichtet, haben die Studis die Möglichkeit, mit Hilfe ihrer Smartphones ein direktes Feedback zu geben. Das ALFS soll größere Gruppen unterstützen, ist also vor allem für Vorlesungen gedacht. Schüchternen Menschen soll es auf diesem Weg leichter gemacht werden, z. B. Verständnisfragen an den Lehrenden zu richten.

Das klingt alles recht smart. Vorlesungen an Fachhochschulen haben allerdings selten mehr als 50, 60 Teilnehmer. Da behält man in der Regel auch ohne AR-Brille den Überblick. Um Ratlosigkeit und Erstaunen zu erkennen gleicht das System der UC3M Referenzbilder aus einer Datenbank, auf denen die Studenten mit neutraler Miene dreinblicken, mit aktuellen Aufnahmen aus dem Hörsaal ab. Soviel Automatisierung braucht’s im Alltag nicht, finde ich. Aber die Rückmeldungen in Echtzeit könnten über das Mitteilen von akuten Verständnisproblemen (deutlich) hinausgehen. Ich habe mir deshalb ein paar Gedanken gemacht, welche Infos von Studentenseite in der AR-Brille des Professors aufleuchten könnten.

Der Rest dieses Artikels kann und sollte Spuren von Ironie enthalten.

Das Wichtigste in einer Vorlesung ist der Wissenstransfer vom Prof zu seinen Zuhörern. Deshalb können Studenten beim AWLFS (Augmented Wettengl Lecture Feedback System) den “Hä!?”-Alarm aktivieren, wenn sie nicht mitkommen. Wer den Sachverhalt auch nach wiederholter Erläuterung nicht durchsteigt, plädiert am Besten für “Nicht klausurrelevant”. Besonders freuen wird sich der Dozent mit AWLFS-Unterstützung, wenn seine Studierenden beginnen, sich zusätzliche Literaturhinweise zu wünschen.

Seien Sie beim Empfehlen weiterführender Literatur doch nicht so zögerlich, raten 7 Studenten. • 2 Studenten haben gerade keinen Durchblick. • 11 Studenten schlagen vor, das aktuelle Kapitel als nicht klausurrelevant einzustufen.

Kaum eine Vorlesung kommt heute ohne Beamer-Präsentationen aus. Bei unerfahrenen Lehrkräften kommt es leider regelmäßig zu Fällen von “Death by Powerpoint” (→ Blog-Eintrag “Power-Pointen”). Dessen Ursachen sind vielfältig. Oft fehlen erfrischene Farben wie ein kräftiges Pink und originelle Farbkombinationen. Gelegentlich irritieren auch zu große Schriften (14 pt und mehr). Sound- und Animationseffekte machen das Learning by Presentation zum Erlebnis. Ob er in dieser Hinsicht Nachholbedarf hat, erfährt der verkabelte Professor ebenfalls auf der zweiten Info-Übersicht in seiner Videobrille.

Seien Sie noch mutiger bei der Auswahl der Farben für Ihre Präsentationsfolien, sagen 15 Studenten. • Wie wäre es mal mit einer kleineren Schriftgröße, fragen 9 Studenten, die sich von den vielen Folienwechseln gestört fühlen. • Nutzen Sie eindringlichere Animationseffekte, empfehlen 22 Studenten.

Gute Wissenschaftler sind nicht immer begnadete Redner. Deshalb flimmern über die High-Tech-Brille des Profs auch Hinweise zur (Körper-)Sprache. Natürlich können für die studentischen Smartphone-Menüs regionenspezifische Fragen eingerichtet werden.

3 Studenten ermuntern Sie zu einer lebendigeren Körpersprache. • 2 Studenten bitten Sie, etwas leiser zu sprechen. • 12 Studenten fordern Sie auf, Ihre Vorlesungen endlich auf Schwäbisch zu halten.

Deutsche Hochschulen gelten nicht unbedingt als besonders kundenorientiert. Die gemeinnützige HIS GmbH berät deutsche Hochschulen und empfiehlt ihnen mehr Fremdwahrnehmung: “Was wissen Sie über Ihre Kunden? Sind Ihnen die konkreten Kundenerwartungen bekannt?” (→ HIS 2011). Zum Glück macht es das AWLFS den Studenten leicht, dem Dozenten ihre konkreten Wünsche für die Gestaltung der nächsten 120 Minuten mitzuteilen.

6 Besucher Ihrer Abendvorlesung würden lieber das Spiel der Bayern schauen. • 17 Studenten hätten Lust auf eine Runde → Powernapping. • “Prof, es ist so schön draußen. Wir würden lieber ein 3-Pfund-T-Bone-Steak auf den Grill werfen, als BWL-Grundlagen pauken”, meinen 2 hungrige Kursteilnehmer.

Professor Todd Riniolo veröffentlichte 2006 mit drei Mitautoren ein hochinteressantes Studienergebnis. Die spannende Frage lautete, ob gutaussehende Professoren in studentischen Evaluationen besser abschneiden (→  “Hot or Not: Do Professors Perceived as Physically Attractive Receive Higher Student Evaluations?”). Ja, lautet das (erschütternde) Ergebnis. Auf einer Skala von 1 bis 5 bekommen attraktivere Profs eine um 0,8 Punkte bessere Bewertung für ihre Lehre als ihre nicht so reizvollen Kollegen. Auf den optischen Gesamteindruck wirken auch Kleidung und Haarschnitt. Die Datenbrille zeigt daher den aktuellen Fashion- und Appearance-Status ihres Trägers.

3 Studenten finden Ihr Outfit gut. • 4 Studenten sind der Meinung, Sie müssten mal wieder zum Frisör. • 1 Student hat bemerkt, dass der Reissverschluss Ihrer Hose offensteht!

Ob ihr eigenes Outfit zu bestimmten Anlässen passt, müssen die Studenten übrigens noch selbst beurteilen. Was man beim Praktikum in einem Industrieunternehmen anziehen kann (und was nicht), bringt der frühere Blog-Eintrag → “Wie siehst Du denn aus!?” auf den Punkt.

Als Zusatzfunktion wünsche ich mir für eine vorlesungsunterstützende Datenbrille die Möglichkeit, Botschaften mit komplexen Inhalten (< 140 Zeichen) übertragen zu können. Die Kursteilnehmer können die Priorität ihrer Nachrichten festlegen. Lebenswichtige Mitteilung poppen sofort im Sichtfeld des Dozenten auf.

Der Absender bleibt beim spanischen ALFS anonym, denke ich. Unter dieser Bedingung würde ich am Semesterende mit der dringenden Bitte rechnen, den Inhalt der durchgenommenen 11 Kapitel noch einmal in zwei, drei Sätzen zusammenzufassen.

Die spanischen Forscher sind von ihrem System ziemlich überzeugt. Für die Professoren dürfte dessen Einsatz aber eine gewaltige Herausforderung bedeuten. Um professoralen Panikattacken vorzubeugen, ist in meiner Datenbrille ein Entspannungsmodus vorgesehen.

Im Entspannungsmodus läuft in der Datenbrille für Professoren dieser Screensaver.

Ich geb’s zu. Richtig überzeugt bin von der Idee noch nicht, in Zukunft mit einer Datenbrille vor den Augen durch meine Vorlesungen zu stolpern. Der Coolnessfaktor des neuartigen Headsets ist doch sehr begrenzt, oder?

Achtung:
48 Zuhörer sind der Meinung, dass sich Profs zum Clown machen, wenn sie eine Infobrille aufsetzen, um besser mit ihren Studenten zu kommunizieren!

Wer weitere Ideen für die Prof-Datenbrille hat, ist herzlich eingeladen, sie per Kommentar oder EMail mitzuteilen. Diejenigen Leser, die ihre Geistesblitze auch grafisch umsetzen möchten, können diese beiden Dateien nutzen.

Außerdem gibt’s auf Twitter jetzt den Hashtag “DatenbrilleFuerProfs”. Dort ist Platz für weitere Kreationen.

Ich freue mich auf Ihre Screenhots aus der Datenbrille.

Verwandter Blog-Eintrag:
Hier und Jetzt!
Meine Studenten und die regelmäßigen Leser dieses Blogs wissen, dass ich mit Smartphones in Vorlesungen auf Kriegsfuß stehe. In dem Blog-Eintrag erläutere ich die Gründe für meine Abneigung.

Anmerkung:
[1] An der Universität Leipzig wurde vor Kurzem eine neue Hochschulverfassung auf den Weg gebracht. Danach ist mit “Professorin” künftig auch ein Mann gemeint. Darauf soll dann eine Fußnote hinweisen. Statt der üblichen Form, in der sich die weibliche Schreibweise mit einer Fußnote begnügen muss, also erstmals umgekehrt. Ich bin zwar Innovationsforscher, aber in diesem Punkt doch ein wenig konservativer als die sächsischen Akademikerinnen. Die männliche Form (z. B. Professor) schließt in diesem Posting die weibliche ein (also z. B. auch die Professorin). Die Geschichte von den männlichen Professorinnen lässt sich → in diesem FAZ-Artikel nachlesen.[↑]