Zukunftsforscher Arthur C. Clarke | Vision 1957: Autonomes Fahren im Elektro-Auto (Fotos: editoraaleph.wordpress.com, paleofuture.com)

Nein, die Briten bräuchten dieses neue Telefon nicht. Schließlich gäbe es genug Botenjungen, meinte 1878 der spätere Chefingenieur der britischen Post Sir William Preece (“The Americans have need of the telephone, but we do not. We have plenty of messenger boys.”). Dies ist nur eins von zahllosen Beispielen für Fehleinschätzungen der Chancen neuer Technologien. Dass Sir William sich irrt, hätte Arthur C. Clarke (1917-2008), oben links im Bild, vermutlich geahnt. Der Zukunftsforscher und Science Fiction-Autor formulierte Anfang der 1960er Jahre dieses “Gesetz”:

“When a distinguished but elderly scientist states that something is possible, he is almost certainly right. When he states that something is impossible, he is very probably wrong.”
Clarke, A. C.: Profiles of the Future (1962/1999), S. 21*

Das unspezifische “something” bezieht sich auf die zukünftigen Möglichkeiten durch (prinzipiell) neue Technologien. Außerdem ist Clarkes Begriffsverständnis erklärungsbedürftig, wenn er von hervorragenden, aber älteren Wissenschaftlern spricht.

“Perhaps the adjective ‘elderly’ requires definition. In physics, mathematics, and astronautics it means over thirty; in the other disciplines, senile decay is sometimes postponed to the forties. There are, of course, glorious exceptions; but as every researcher just out of college knows, scientists of over fifty are good for nothing but board meetings, and should at all costs be kept out of the laboratory!”
Clarke, A. C.: Profiles of the Future (1962/1999), S. 21*

Clarkes legendäres Buch “Profiles of the Future”, in dem man sein Clarke’s First Law genanntes “Gesetz” findet, erschien vor 50 Jahren.** Ein schöner Anlass, sich ein bisschen mit ihm und der Rolle von Experten bei technologischen Voraussagen zu beschäftigen. In seinen Zukunftsumrissen befasst sich A.C.C. selbst unter anderem mit der Zukunft des Automobils. Wie lauteten seine damaligen Prophezeiungen?

“… let us take a brief glance at the future of the automobile as we know it.
… Its complicated and toxic gasoline engine … will be replaced by clean and silent electric motors, built into the wheels themselves and so wasting no body space. This implies, of course, the development of a really compact and lightweight method of storing or producing electricity, at least an order of magnitude better than our present clumsy batteries.
… These improvements, however, will be much less important than the fact that the automobile of the day-after-tomorrow will not be driven by its owner, but by itself; indeed, it may one day be a serious offence to drive an automobile on a public highway.
… The automobile of the future will really live up to the first half of its name; you need merely tell it your destination — by dialling a code, or perhaps even verbally — and it will travel there by the most efficient route, after first checking with the highway information system for blockages and traffic jams.
… Some people, I know, enjoy driving, … . Their desires could easily be fulfilled at dedicated race-tracks — but not on the public highway.”
Clarke, A. C.: Profiles of the Future (1962/1999), S. 33/34*

Mit seinem Tipp in Richtung selbstfahrender Autos (SDC = self-driving cars) lag Clarke ziemlich gut. Eigenhändiges Fahren ist zwar heute noch der allgegenwärtige Normalfall und in vielen Ländern gesetzlich vorgeschrieben. Schon innerhalb der nächsten zehn Jahre dürften die Autoroboter aber maßgeblich auf dem Weg zur Marktreife vorankommen. Momentan steht vor allem das selbstfahrende Auto von Google im Fokus des Interesses. An ähnlichen Assistenzsystemen bis hin zu Systemen, die das Fahren ganz übernehmen, arbeiten aber auch zahlreiche Kfz-Hersteller und einige große Zulieferer.

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Schon bei der New Yorker Weltausstellung 1939 präsentierte General Motors in seinem “Futurama”-Pavillon selbstfahrende Autos als Zukunftsvision. Die Entwicklung fahrerloser Autos passt auch zum allgemeinen Automatisierungstrend, der nicht nur in der Automobiltechnik zu beobachten ist. Schon heute gibt’s beispielsweise automatische U-Bahnen, und Flugzeuge werden zeitweise von Autopiloten gesteuert. So überrascht es nicht, dass man beim Googlen viele Expertenmeinungen findet, die den Nachfahren von Michael Knights “K.I.T.T.” (→ Wikipedia) eine vielversprechende Zukunft bestätigen. Auf skeptische Aussagen zu SDCs bin ich dagegen nicht gestoßen. Diskutiert wird nur, wann für selbstfahrende Autos die Zeit reif sein könnte, schon 2020 oder doch etwas später.

Deutlich spannender ist die Frage, ob Arthur Clarke irgendwann mit seiner zweiten Voraussage Recht behält und Elektroantriebe doch noch den Verbrennungsmotor ablösen. Der zwischenzeitliche Hype um’s E-Mobil ist jedenfalls wieder abgeklungen. US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, mormonischer Technikexperte, bezeichnet Tesla, den Hersteller schicker Batterie-Flitzer, schon als Loser. Und beim hochambitionierten Better Place-Projekt hat man gerade den Elektro-Optimisten Shai Agassi aus dem Chefsessel gekickt.

Ein ausgezeichneter Experte für das automobile Antriebssystem ist der Motorjournalist Christian Bartsch, unter anderem Autor des Buches “Moderne Dieseltechnik”. Auf den 1924 Geborenen passt die Charakterisierung “distinguished but elderly” hervorragend. Was ist seine Meinung zur möglichen Elektro-Revolution im Kfz?

Er ist sicher, “dass es in absehbarer Zeit [zwar] eine gewisse Zahl von Elektroautos geben wird, wenn die Rohstoffversorgung – Kupfer, seltene Erden – dem keinen Strich durch die Rechnung macht. Den Verbrennungsmotor werden sie jedoch nicht verdrängen, er hat nicht nur immer noch ein erhebliches Entwicklungspotential, sondern dem Elektroantrieb auch in der Zukunft zu viele Vorteile voraus. Nicht nur den, dass er bis zum letzten Tropfen im Tank seine volle Leistung abgibt und dazu so viel Überschuss produziert, dass er die unablässig zunehmende Zahl von elektrischen Verbrauchern versorgen kann.”
“Zudem wird der ganze Langstrecken- und Schwerverkehr auch in 50 Jahren noch auf Dieselkraftstoff angewiesen sein”, legte sich Bartsch 2010 fest.

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Schaut man auf die gegenwärtigen Unzulänglichkeiten batterie-elektrischer Kfz-Antriebssysteme, muss man dem Motorexperten zustimmen. Dennoch ist Vorsicht geboten. Experten für Gegenwartstechnologien sind häufig keine Experten für Zukunftstechnologien! Mit diesem Problem hat sich auch der US-amerikanische Technikhistoriker Nathan Rosenberg auseinandergesetzt.

Unter der Überschrift “The Limitations of the Expert” schreibt er: “Experts of any kind tend to look at the world in terms of a very limited number of variables – indeed, that is a reasonable definition of what it means to be an expert. The training and experience of experts equip them to deal with movement along some very particular trajectories, but not others. The old aphorism that an expert is a person who knows more and more about less and less conveys an important truth, one that has serious implications for the understanding of technological change (‘When all that you have is a hammer, everything looks like a nail.’).
A specialist is typically capable of extending and improving the methods of his or her expertness and applying them to new uses. However, the very nature of an expert’s education and professional experience is likely to disqualify that person from developing new technologies based on different principles or even from appreciating their potential significance.”
Rosenberg, N.: The Impact of Technological Innovation (1986), S. 23.

Nach dem Ersten Clarkeschen Gesetz ist die Sache ganz klar. Die erfahrenen Experten für Verbrennungsmotoren haben wahrscheinlich Unrecht, wenn sie dem elektrischen Antriebsstrang wenig Chancen einräumen. Rosenberg sieht’s etwas differenzierter und weist auf die Schwierigkeiten hin, sich als Spezialist für die heute dominierende Technologie ein angemessenes Urteil über radikal andersartige Lösungsprinzipien zu bilden.

Deshalb im Rahmen der Langfristplanung nur auf die Befunde jüngerer Generationen zu setzen, ist offenbar keine echte Alternative. Hören wir noch einmal kurz auf Shai Agassi, (zu?) optimistischer Gründer und Ex-CEO von Better Place, dem Unternehmen, das für Elektrofahrzeuge flächendeckende Netze von Austauschstellen für die Batterien plant.

Wann fährt die Welt mit Elektroautos?
“Da gebe ich Ihnen eine mutige Prognose: Im Jahr 2020 werden auf der Welt mehr Elektroautos als Benziner und Hybridautos verkauft, in Deutschland übrigens auch.”

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Zurück zu Arthur C. Clarke. Der Brite schrieb zahlreiche Science Fiction-Romane und -Geschichten, darunter “2001: A Space Odyssey”, 1968 verfilmt von Stanley Kubrick. Clarke ermunterte Gene Roddenberry, als der für seine Serienidee “Raumschiff Enterprise” noch belächelt wurde. Daneben umriss er “possible futures”, war aber gleichzeitig sicher: “No one can predict the future.” 1998 ernannte Königin Elizabeth II. den unermüdlichen “Science Spokesman” Clarke zum Ritter. Sehen und hören kann man ihn in einem kurzen Ausschnitt aus der BBC-Sendung “The Sky at Night” von 1963. Eine lesenswerte Würdigung seines Lebenswerkes erschien aus Anlass seines Todes 2008 in der New York Times.

Anmerkungen:

* Die Angaben von Seitenzahlen beziehen sich auf die 1999 erschienene Neuauflage von “Profiles of the Future”. Die ursprünglichen Voraussagen sind darin weiter enthalten, wurden aber von Clarke teilweise um Kommentare ergänzt.

** Das Buch basiert auf einer Reihe von Magazinbeiträgen, die schon 1961 in einer renommierten Fachzeitschrift erschienen waren, dem “Playboy”.

Literatur:

  • Clarke, A. C.: Profiles of the future. An inquiry into the limits of the possible, New York 1962 (ergänzte Neuauflage, London 1999)